Unser Sohn brachte uns mit ausreichend Vorlaufzeit zum Flughafen Zürich. Dort erwartete uns bereits eine lange Schlange am AirBaltic-Schalter. Unser Flug nach Riga sollte um 19 Uhr starten, doch Probleme bei der Kabinenvorbereitung bescherten uns eine halbe Stunde Verspätung.

Nach einem angenehmen Flug landeten wir schließlich erst nach 23 Uhr in Riga. Besonders nett fanden wir den Abschiedsgruß des Kabinenpersonals: „Happy Līgo!“ – ein fröhlicher Mittsommergruß, der uns schon auf dem Weg vom Flugzeug einen ersten Eindruck der lettischen Kultur vermittelte.

Auf Umwegen zum Hotel für Riesen

Vor dem Ausgang wartete bereits der Linienbus Nr. 22, der uns ins Stadtzentrum bringen sollte. Wegen des Mittsommerfestes war die Fahrt sogar kostenlos. Unsere Haltestelle „Autoosta“ lag zwar direkt in der Nähe unseres Hotels, doch leider trennten uns davon einige Treppen – ohne Aufzüge oder lange Umwege. Mit unseren schweren Koffern entschieden wir uns für die Umwege. Rückblickend hätten wir uns die Schlepperei besser erspart und ein Taxi genommen. Den komfortablen BOLT-Service lernten wir allerdings erst später in Vilnius kennen.

Gegen halb eins erreichten wir schließlich unser Hotel. Für eine Mittsommerfeier waren wir inzwischen definitiv zu müde. Faszinierend war allerdings, dass es draußen um diese Uhrzeit immer noch erstaunlich hell war. Diese „Weißen Nächte“ sollten uns während der gesamten Reise begleiten. Wirklich dunkel wurde es kaum.

Unser Hotel, das Opera Hotel, empfing uns mit frisch renovierten Zimmern und ausgesprochen bequemen Betten – allerdings waren diese gefühlt mindestens einen Meter hoch. Wir fragten uns ernsthaft, wie kleinere Menschen wohl dort hinaufkommen. Die Dusche bildete dazu einen interessanten Kontrast: winzig und ohne Duschvorhang oder Abtrennung. Duschen wurde damit jedes Mal zu einer kleinen Herausforderung, bei der es galt, eine mittlere Überschwemmung des Badezimmers zu verhindern.

Trotz dieser kleinen Widrigkeiten war unsere Vorfreude ungebrochen. Riga hatte uns bereits mit seinem Charme gefangen genommen und wir konnten es kaum erwarten, die Stadt und ihre Geschichten zu entdecken.

Unser erster Tag in Riga

Nach einem erholsamen Schlaf und einem reichhaltigen Frühstück machten wir uns bei zunächst bewölktem Himmel auf den Weg in die Altstadt. Diese alte Hansestadt, heute lettische Hauptstadt und größte Stadt des Baltikums, liegt malerisch an der Daugava. Gegründet wurde Riga im Jahr 1201 vom Bremer Bischof Albert Buxhövden und beeindruckt mit einer Mischung aus mittelalterlicher Altstadt und prachtvoller Jugendstilarchitektur.

Unser Spaziergang führte uns bei etwas trübem Wetter durch gepflegte Grünanlagen entlang des Pilsetas Kanals. Vorbei an der Universität und dem prächtigen Nationaltheater schlenderten wir dann durch verwinkelte, malerische Gassen bis zum Rathausplatz. In der Tourist-Information bekamen wir noch einige Tipps für die nächsten Tage. Die junge Dame an der Information trug, wie viele andere junge Frauen an diesem Johannistag, einen bunten Blumenkranz – ein schöner und sehr lebendiger Teil der Mittsommertradition. Und dann meinte es auch das Wetter gut mit uns: Gegen Mittag klarte der Himmel auf und Riga zeigte sich bei blauem Himmel und angenehm warmen Temperaturen von seiner schönsten Seite.

Mit einem kleinen Touristenzug fuhren wir zunächst durch die Altstadt und bekamen dabei einen ersten Überblick über die vielen historischen Gebäude. Vorbei ging es unter anderem am Mentzendorff-Haus, dem berühmten Katzenhaus, – eines der Wahrzeichen Rigas mit der Katzenfigur auf dem Dach und weiter zur Rigaer Börse und dem Rigaer Schloss, dem Amtssitz des lettischen Präsidenten. Bei den „Drei Brüdern“ – drei kleine mittelalterliche Häuser – blieben wir eine Weile stehen und lauschten den Straßenmusikern.

Ein kurzer Abstecher zum Herder-Denkmal und zum Dom rundete unseren Vormittag ab. Für den Dom hatten wir uns noch etwas Besonderes vorgenommen: Ein Orgelkonzert an der berühmten Rigaer Orgel sollte später zu einem der Höhepunkte unseres Aufenthalts werden.

Über den Dächern von Riga

Nach einem kleinen Mittagsimbiss und einer kurzen Pause im Hotel ging es am späten Nachmittag weiter zur St. Petrikirche. Mit dem Aufzug fuhren wir hinauf zur Turmspitze – und wurden mit einem herrlichen Blick über Riga belohnt. Die kleinen bunten Gassen lagen uns zu Füßen und unser Blick schweifte über die Stadt hinweg zur Daugava und bis zum Horizont, wo wir das nahe Meer erahnen konnten. Im Inneren der Kirche erfuhren wir, dass am Abend ein klassisches Konzert mit jungen Solisten stattfinden sollte. Wir entschieden uns, zu bleiben und wurden mit einem wunderbaren musikalischen Erlebnis belohnt.
Den Abend ließen wir am belebten Livenplatz bei einem gemütlichen Abendessen ausklingen. Als wir gegen 22.30 Uhr zurück zum Hotel gingen, war es immer noch taghell. Für uns war das ungewohnt und faszinierend zugleich.

Freiheitsdenkmal und orthodoxe Pracht

Der nächste Tag begann mit einem ausgedehnten Spaziergang, bei dem wir die berühmte Jugendstilarchitektur der Stadt erkunden wollten. Wir waren schon sehr gespannt darauf, denn wir lieben diese Stilrichtung sehr.

Schon nach einer kurzen Strecke ist uns ein rosafarbenes hübsches Gebäude aufgefallen, welches sich beim Näherkommen als der Sitz der Deutschen Botschaft in Lettland herausstellte.


Nicht weit davon entfernt stießen wir auf den Freiheitsboulevard, dessen Herzstück das imposante Freiheitsdenkmal bildet. Dieses Monument, ein Sinnbild der lettischen Unabhängigkeit, ist von vielen Skulpturen gesäumt, die bedeutende Ereignisse aus der Geschichte und Kultur Lettlands erzählen. Zwei Soldaten stehen als Ehrenwache unbeweglich rechts und links des Denkmals – ihre Disziplin war einfach beeindruckend.


Unser nächstes Ziel war die orthodoxe Christi-Geburt-Kathedrale, deren goldene Kuppeln schon von weitem glänzten. Während der Sowjetzeit hatte dieses beeindruckende Bauwerk als Planetarium und Restaurant gedient. Heute steht die Kathedrale den Gläubigen wieder als Gotteshaus zur Verfügung. Die opulente Innengestaltung und die Atmosphäre waren überwältigend und die Pracht und der Glanz der Ausstattung hinterließen einen bleibenden Eindruck. Fotografieren war hier leider nicht erlaubt – vielleicht ist es aber gerade deshalb eine Erinnerung geblieben, die man ganz besonders im Kopf bewahrt.

Jugendstil in Hülle und Fülle

Nun tauchten wir endgültig in Rigas Jugendstilviertel ein.

Zwischen 1895 und 1915 erlebte Riga zeitgleich mit dem Aufblühen des Jugendstils einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser Boom ermöglichte es, renommierte Architekten zu engagieren, die rund ein Drittel der Gebäude im Stadtzentrum in diesem kunstvollen Stil erbauten.

Unsere Erkundung begann in der Elisabetes- und Alberta-Iela, wo ein Gebäude das nächste an Schönheit und Eleganz übertrifft. Wir schlenderten durch die Straßen und konnten uns an den prunkvollen Verzierungen, den ausgewogenen Proportionen, den kunstvollen Bildwerken und den leuchtenden Glasfenstern kaum sattsehen. Die Fassaden der mehrstöckigen Gebäude zogen unsere Blicke immer wieder auf sich, und wir mussten oft stehen bleiben, um die Vielzahl an Details, Skulpturen, Masken und Verzierungen zu bestaunen.

Besonders gut gefiel uns das Jugendstilmuseum, das in einem dieser prächtigen Gebäude untergebracht ist. Beim Rundgang fühlten wir uns tatsächlich ein wenig wie auf einer Zeitreise. Die detailgetreu eingerichtete Wohnung und die historischen Exponate vermittelten uns einen lebendigen Eindruck der damaligen Zeit, den wir so schnell nicht vergessen werden.

Auf den Spuren der Schwarzhäupter

Der Rückweg führte uns durch einen weitläufigen, üppig grünen Park, der Riga von seiner naturverbundenen Seite zeigte und unsere Begeisterung für diese charmante Stadt nur noch steigerte. Hungrig von unserem ausgedehnten Spaziergang machten wir Halt in der Altstadt und kehrten in einem Selbstbedienungsrestaurant der Kette LIDO ein. Die Atmosphäre war zwar eher kantinenartig, aber das Essen überraschte uns mit seiner Qualität und dem günstigen Preis. Wir genossen die osteuropäischen Menüs und stärkten uns für den weiteren Tag.

Nach dem Mittagessen stand das Schwarzhäupterhaus auf unserem Programm, eines der Wahrzeichen Rigas. Erbaut im Jahr 1334, galt es damals als das luxuriöseste und prestigeträchtigste Gebäude der Stadt. Die Schwarzhäupter, ein Zusammenschluss junger, unverheirateter Kaufleute, Goldschmiede und Kapitäne, übernahmen Ende des 15. Jahrhunderts dieses prächtige Haus. Obwohl es im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, erstrahlt es seit dem Wiederaufbau 1999 in neuem Glanz. Leider waren die prachtvollen Säle an diesem Tag geschlossen. So mussten wir uns mit dem Blick auf die beeindruckende Fassade begnügen.

Auf dem Rathausplatz entdeckten wir die Rolandsstatue, die die enge Verbindung zur Stadt Bremen zeigt. Dies gilt übrigens auch für die Bronzeskulptur der Bremer Stadtmusikanten, die vor der Petri-Kirche aufgestellt ist.

Anschließend machten wir noch einen kleinen Streifzug durch die Souvenirläden. Wir waren auf der Suche nach einem besonderen Salz- und Pfefferstreuer für unsere Sammlung. Riga hätte uns diesbezüglich durchaus überraschen dürfen – tat es aber nicht. Wir gingen leer aus. Auch das gehört zu einer Reise.

Ein Markt, der alle Sinne anspricht

An unserem letzten Tag in Riga wollten wir die riesigen ehemaligen Zeppelinhallen besuchen, in denen sich heute der Rigaer Zentralmarkt befindet. Ursprünglich waren es zwei historische Zeppelinhangars, die 1930 zu fünf Pavillons umgebaut wurden, um den Bedürfnissen eines Lebensmittelmarktes gerecht zu werden. Damals war es der modernste und größte Markt Europas.

Schon beim Betreten waren wir mitten im lettischen Alltag. Überall wurden Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch, Backwaren und Gewürze angeboten. Dazu kamen Kleidung, Souvenirs und Kunsthandwerk. Die Vielfalt der Farben, Gerüche und Klänge war überwältigend. Es war bunt, laut, geschäftig – und vor allem unglaublich vielfältig.

Besonders die Fischhalle hatte es uns angetan. Hier wurde Fisch in allen erdenklichen Variationen angeboten – von frischem Lachs über eingelegte Heringe bis hin zu leckeren Meeresfrüchten – ein Fest für die Sinne.

Auch das Obst und Gemüse war nicht nur frisch, sondern erstaunlich günstig. Für gerade einmal 3,58 Euro kauften wir 300 Gramm saftige Kirschen und fünf wunderbar reife Aprikosen. In einer der Hallen stießen wir auf kleine Stände, an denen litauische Spezialitäten frisch zubereitet wurden. Es war ein wahrer Genuss, diese Leckereien an kleinen Tischen, im Stehen oder sogar im Vorbeigehen zu probieren. Besonders verlockend waren die Dumplings: mit Speck gefüllte Teigtaschen, die mit saurer Sahne serviert wurden – eine einfache, aber köstliche Mahlzeit.

Wir verließen den Rigaer Zentralmarkt mit dem Gefühl, ein echtes Stück Riga erlebt zu haben – ein Ort, der nicht nur eine historische Sehenswürdigkeit ist, sondern ein lebendiges Herzstück der Stadt, das Einheimische und Besucher gleichermaßen begeistert. Nach diesem Ausflug für alle Sinne ging es zurück ins Hotel, um die Koffer zu packen. Am nächsten Morgen sollte es weiter nach Vilnius gehen.

Aber unser Riga-Aufenthalt war noch nicht ganz vorbei.

Beeindruckendes Orgelkonzert

Am späten Nachmittag ließen wir es uns in einem Liegestuhl im nahegelegenen Park gutgehen und genossen bei herrlichem Wetter einen Eiscafé.

Am Abend wartete schließlich noch ein besonderer Höhepunkt auf uns: das Orgelkonzert im Rigaer Dom, der berühmt ist durch seine 1884 erbaute Orgel. Dieses grandiose Instrument verfügt über vier Manuale, 124 Register und beeindruckende 6718 Holz- und Metallorgelpfeifen in verschiedenen Größen. – aber Zahlen können kaum beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn dieses gewaltige Instrument tatsächlich erklingt. Wir hatten das Glück, es bei einem Konzerte erleben zu dürfen. Die Musik, der mächtige Kirchenraum und die besondere Atmosphäre machten diesen Abend zu einem Erlebnis, das uns sicher noch lange begleiten wird.

Zum Abschluss kehrten wir im Restaurant „Black Monk“ ein: exzellentes warmes Brot und Butter, schwarze Ravioli mit Lachs, Rhabarberstrudel mit Eis und ein Glas Wein. Die stimmungsvolle historische Umgebung verlieh dem Abendessen eine besondere Atmosphäre. Es war der perfekte Abschluss eines perfekten Tages und ein würdiger Abschied von dieser bezaubernden Stadt.

Am nächsten Morgen würden wir weiter nach Vilnius reisen.


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