Nach unserem letzten Frühstück in Riga machten wir uns auf den Weg zum internationalen Busbahnhof. Der lag praktischerweise direkt gegenüber unserem Hotel bei den ehemaligen Zeppelinhallen. Leider funktionierten die Aufzüge in der Unterführung nicht, sodass wir mit unseren schweren Koffern wieder einmal einen kleinen Umweg machen mussten.
Mit dem Luxbus nach Vilnius
Für die viereinhalbstündige Fahrt nach Vilnius hatten wir bereits Tickets gebucht. Die LUX-Busse erinnerten uns an die bekannten Flixbusse, waren allerdings deutlich komfortabler. Mit unseren Business-Class-Tickets saßen wir in großzügigen Ledersitzen, hatten WLAN und konnten uns bei Kaffee und Tee bedienen. Für 28 Euro pro Person fanden wir das ausgesprochen angenehm.
Nur der Busfahrer schien nicht ganz so begeistert von seiner Arbeit zu sein. Besonders freundlich war er jedenfalls nicht – vielleicht lag es ja an der langen Fahrt … oder, wie Lucia augenzwinkernd vermutete, an einem kleinen Überbleibsel aus früheren Zeiten der russischen Besatzung.
Nach vier Stunden angenehmer Fahrt durch weite Naturlandschaften kamen wir am Busbahnhof in Vilnius an.
Für die letzten Kilometer zum Hotel entdeckten wir dann auch den Service, der uns während der nächsten Tage noch gute Dienste leisten sollte: BOLT. Für gerade einmal 5,60 Euro brachte uns der Fahrer schnell, freundlich und zuverlässig zum Hotel.
Ein Hotel wie aus einem Roman
Unser Hotel, das Shakespeare Boutique-Hotel, lag mitten in der Altstadt – und machte seinem Namen alle Ehre.
Jedes Zimmer war einem Schriftsteller oder einem literarischen Werk gewidmet. Wir bezogen das Othello-Zimmer, das mit Büchern und Bildern rund um Shakespeare und Othello dekoriert war. Über unserem Bett hing ein riesiges Bild von Othello und Desdemona. Auch die Flure und der Frühstücksraum waren ganz im literarischen Stil gestaltet. Es war gemütlich, ein bisschen verspielt und irgendwie anders als ein gewöhnliches Hotel. Wir fühlten uns sofort wohl.
Nachdem wir unser Gepäck verstaut hatten, machten wir uns noch auf einen ersten Spaziergang durch die Altstadt und den angrenzenden Park.
Dabei gab es auch gleich die erste kulinarische Überraschung: einen pinkfarbenen Cappuccino. Ob er geschmacklich ein besonderes Erlebnis war, weiß ich heute nicht mehr – aber farblich war er jedenfalls ein Hingucker.
Am Abend war der Kathedralenplatz voller Leben. Vor der Kathedrale wurde gerade eine riesige Bühne aufgebaut, und auch im Innenhof des benachbarten Palastes stand eine beeindruckende Bühne. Vilnius bereitete sich auf die Opernfestspiele vor. Im angrenzenden Park entdeckten wir außerdem zahlreiche kleine Holzstände mit ethnografischen Motiven.
Die Hitze machte uns zu schaffen, daher waren wir sehr dankbar für die hervorragend funktionierende Klimaanlage in unserem Hotelzimmer. Auf Empfehlung des Rezeptionisten gingen wir zum Abendessen ins nahegelegene Restaurant Etno Dvaras, das für seine litauische Küche bekannt ist. Auf der Terrasse probierten wir gebratene Zeppelinas, während eine Akkordeonistin und eine Trommlerin litauische Melodien spielten. Es war ein entspannter Abschluss eines ereignisreichen Tages – eine wunderbare Mischung aus Kultur, Geschichte und kulinarischen Genüssen.
32 Grad und der Kampf der Unabhängigkeit
Am nächsten Morgen begann der Tag mit einem Frühstück, das uns länger aufhalten sollte als ursprünglich gedacht. Auf den ersten Blick wirkte das Buffet im Shakespeare-Hotel eher überschaubar: Croissants, Toast, Kaffee, Tee, Obstsalat, Saft und Kuchen. Doch kaum hatten wir am Tisch Platz genommen und die Speisekarte studiert, eröffnete sich eine ganz andere Welt. Omelett, gekochte Eier, knuspriger Bacon, Pancakes, frische Salate, Lachs, Käse in allen Variationen und vieles mehr. Der Frühstücksraum selbst erinnerte eher an eine gemütliche Bibliothek mit Bar als an einen klassischen Hotel-Frühstücksraum und lud dazu ein, lange zu verweilen und das Ambiente zu genießen. Verständlicherweise ließen wir uns daher reichlich Zeit, um in den Tag zu starten
Angesichts der brütenden Hitze von 32 Grad im Schatten entschieden wir uns, unsere heutige Besichtigungstour durch Vilnius gemächlich anzugehen. Schon der kurze Spaziergang zur Kathedrale trieb uns den Schweiß auf die Stirn. Doch die Anstrengung wurde reich belohnt: Auf dem Kathedralen Platz präsentierte sich ein beeindruckendes Ensemble klassizistischer Baukunst. Die Kathedrale und Basilika St. Stanislaus und St. Ladislaus von Vilnius, das bedeutendste katholische Heiligtum Litauens, blickt auf eine über sechshundertjährige Geschichte zurück und beherbergt zahlreiche religiöse, künstlerische und historische Schätze. Besonders angetan waren wir von der Kapelle des Heiligen Kasimir, einem Juwel des Frühbarocks mit ihren beeindruckenden Silberschmiedearbeiten.
Die Fassade der Kathedrale, mit ihren 32 Meter hohen Säulen, erinnerte an einen griechischen Tempel. Der etwas abseitsstehende Glockenturm lud zum Besteigen ein, doch bei der Hitze verzichteten wir darauf.
Vor der Kathedrale stießen wir auf eine kleine viereckige Bronzeplatte mit der Inschrift STEBUKLA („Wunder“). Sie markiert den Beginn der Menschenkette, mit der am 23. August 1989 die Balten für ihre Unabhängigkeit demonstrierten. Damals bildeten rund zwei Millionen Menschen eine 600 Kilometer lange Kette von Vilnius über Riga nach Tallinn, damals alle noch Teil der Sowjetunion. Sie standen Hand in Hand an den Straßen und sangen für die Freiheit. Dieser Ort und die Geschichte dahinter machten uns nachdenklich. Besonders angesichts des Krieges in der Ukraine wurde uns bewusst, wie nah die Erinnerung an die eigene Vergangenheit und die Sorge um die Gegenwart in diesen Ländern beieinanderliegen. Kein Wunder, dass in Litauen und Lettland die ukrainische Flagge an vielen Gebäuden wehte und die Verachtung für Putin und seine Politik spürbar und sichtbar war.
Vom Kathedralen Platz aus schlenderten wir entlang des Skulpturenweges zur Standseilbahn, die uns zur Gediminas-Burg brachte – einem der bekanntesten Wahrzeichen von Vilnius. Der Turm, der aus dem 14. Jahrhundert stammt, bot uns einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und ihre Umgebung, besonders auf die unter UNESCO-Schutz stehende Altstadt, die größte der baltischen Staaten. Im Turm selbst gab es ein kleines Museum, das spannende Dokumente und Original-Filmaufnahmen zu den Ereignissen des Unabhängigkeitskampfes der baltischen Staaten zeigte. Die Geschichte wurde dadurch plötzlich sehr anschaulich.
Trotz der Hitze machten wir uns zu Fuß wieder auf den Weg zurück in die Stadt und stärkten uns mit einem frischen Salat. Dann überquerten wir die Neris über die Mindaugas-Brücke und bestiegen ein kleines Ausflugsboot, das an eine venezianische Gondel erinnerte. Der englischsprachige Bootsführer erzählte uns vieles über die Stadt und die Kunstwerke, die 2009 aufgestellt wurden, als Vilnius Kulturhauptstadt Europas war.
Der Rückweg ins Hotel wurde bei der Hitze zu einem wahren Kraftakt. Nach einem erfrischenden Power Nap und einer kühlen Dusche machten wir uns auf den Weg in eine nette Trattoria in der Altstadt. Dort ließen wir den Abend ausklingen und genossen das bunte Treiben dieser jungen, lebendigen Stadt.
Užupis – eine Republik in der Stadt
Am nächsten Morgen mussten wir gar nicht weit laufen, denn direkt in der Nähe unseres Hotels standen zwei besondere Kirchen: die Bernhardinerkirche und die St. Anna-Kirche. Schon aus unserem Hotelzimmer konnten wir die wunderschönen Backsteinfassaden sehen. Wir hatten Glück und konnten die kleine St. Anna-Kirche auch von innen besichtigen. Sie wurde Ende des 15. Jahrhunderts erbaut und gilt als eines der schönsten Beispiele spätgotischer Architektur in Vilnius. Besonders beeindruckend ist die Fassadenverzierung, für die bis zu 33 verschiedene Ziegelsteinformen verwendet wurden. Das war natürlich genau die Art von Detail, bei der Dieter hellhörig wurde – schließlich war er viele Jahre als Vertriebler für Ziegeleimaschinen unterwegs. So wurde aus einer Kirchenbesichtigung plötzlich auch ein kleines Stück „Berufsgeschichte“.
Nach der Bernhardinerkirche ging es weiter nach Užupis. Und hier wurde es wirklich ungewöhnlich. Užupis ist ein kleiner Stadtteil von Vilnius, der sich am 1. April 1997 kurzerhand zur unabhängigen „Republik Užupis“ erklärte – mit eigenem Präsidenten, eigener Hymne, eigener Währung – und natürlich einer eigenen Verfassung. Wir überquerten die Brücke und betraten damit quasi ein neues Land. Zumindest fühlte es sich ein bisschen so an. Auf der Brücke hingen unzählige verrostete Liebesschlösser. In einem kleinen Shop ließen wir uns unseren „Grenzübertritt“ sogar mit Karten, Briefmarken und Stempel bestätigen. Im Café Užupio Kavinė, das gleichzeitig als „Parlamentsgebäude“ und „Regierungssitz“ der Republik ausgewiesen ist, gönnten wir uns einen Kaffee. Wir beschlossen schon dort: Hier wollen wir abends essen.
Der anschließende Spaziergang durch Užupis gefiel uns ausgesprochen gut. Künstler, kleine Galerien, bunte Häuser und ungewöhnliche Details überall. Die Atmosphäre erinnerte uns ein wenig an Montmartre in Paris. Kein Wunder, dass es sogar eine Partnerschaft zwischen Užupis und Montmartre gibt. Besonders amüsant fanden wir die Verfassung der Republik Užupis. Sie hängt in mehr als 25 Sprachen an einer Hauswand – und ist erstaunlich lebensnah.
Nach einem Abstecher zur prächtigen orthodoxen Basilika und einem kleinen Imbiss machten wir uns noch einmal auf den Weg durch die riesige Altstadt. Wir kamen zum Tor der Morgenröte, einer bedeutenden Marienpilgerstätte, in der das Marienbild der Schwarzen Madonna verehrt wird. Da gerade eine Pilgermesse stattfand, verzichteten wir auf einen Besuch und überließen den Ort den Pilgern. Unterwegs entdeckten wir außerdem ein deutsches Lokal mit Zoller Bier. Ganz in der Nähe liegt ein Jazzclub, den unser Sohn bereits für Workshops genutzt hatte. Wieder einmal stellten wir fest, wie klein die Welt doch ist.
Am Abend kehrten wir wie geplant nach Užupis zurück. Im Café Užupio Kavinė gab es hervorragende Muscheln, guten Wein und einen himmlischen Schokoladenkuchen. Besonders nett war unser junger Kellner. Er fragte uns, woher wir kommen, weil er gerade eine Weltkarte mit den Herkunftsorten seiner Gäste gestaltete – eine wirklich wunderbare Idee.
Ein Sängerfest für ganz Litauen
Unser letzter Tag in Vilnius hielt ein besonderes musikalisches Erlebnis für uns bereit.
Gesang und Volkstanz sind tief in der baltischen Gesellschaft verwurzelt und spielen eine wichtige Rolle im Leben der Menschen. Besonders beeindruckend ist dies bei den Sängerfesten, die alle vier Jahre stattfinden und fester Bestandteil der litauischen Kultur sind. Im Jahr 2024 wurde das 100-jährige Bestehen dieser Tradition in Vilnius groß gefeiert, und wir hatten das Glück, den Auftakt miterleben zu dürfen.
Die Eröffnung fand auf dem Rathausplatz statt. Überall waren Stände aufgebaut, an denen litauische Organisationen, Schulen und Bildungseinrichtungen aus aller Welt ihre Arbeit präsentierten. Es war beeindruckend zu sehen, wie lebendig die litauische Kultur auch außerhalb des Landes ist.
Zur prunkvollen Eröffnungszeremonie erschienen politische Vertreter des Landes, darunter der Kulturminister sowie der amtierende Präsident Litauens, Gitanas Nausėda. Besonders bewegend war der Moment, als ein Opernsänger gemeinsam mit allen Gruppen und Besuchern die litauische Nationalhymne anstimmte. Zum krönenden Abschluss wurden mit Rauchböllern die litauischen Landesfarben in den Himmel gemalt – ein Anblick, der uns Gänsehaut bereitete
Nach dieser beeindruckenden Zeremonie spazierten wir durch das ehemalige jüdische Ghetto zum Präsidenten-palast. Unterwegs warfen wir einen kurzen Blick in einen der 12 Innenhöfe der Universität. Es war erneut sehr heiß, daher suchten wir immer wieder schattige Passagen und Plätze auf. Ich nutzte die Gelegenheit, über den Kunsthandwerkermarkt im Park zu schlendern, wo anlässlich des Sängerfestes an bunten Ständen litauische Volkskunst und Spezialitäten angeboten wurden.
Am Nachmittag hieß es dann Koffer packen. Doch bevor wir Vilnius endgültig verlassen mussten, wartete noch ein letzter Höhepunkt auf uns. Am Abend gingen wir zum Kathedralenplatz, wo die große Jubiläumsshow des Sängerfestes stattfand. Die Veranstaltung wurde sogar live im Fernsehen übertragen. Vor rund 5.000 Zuschauern präsentierten bekannte litauische Künstler und Gruppen traditionelle Musik und Folklore – und das alles andere als verstaubt. Es war lebendig, modern, mitreißend und voller Energie. Es war ein grandioser Abschluss unseres Besuches in dieser quirligen, geschichtsträchtigen und zugleich modernen Stadt Vilnius.
Aufbruch zum Roadtrip
Nach einem letzten, ausgedehnten Frühstück im charmanten Shakespear-Hotel, das mit seinem gemütlichen Ambiente und exzellenten Service einen bleibenden Eindruck hinterließ, machten wir uns bereit, unsere Reise fortzusetzen. Vor der Tür wartete bereits unser BOLT-Taxi. BOLT hatte sich inzwischen zu einem echten Reisebegleiter entwickelt. Die Fahrer waren zuverlässig, pünktlich und freundlich – und die Preise ausgesprochen angenehm.
Am Flughafen wurden wir von einem Labyrinth aus Gerüsten und Bauzäunen überrascht. Es glich einer gigantischen Baustelle, und es brauchte einiges an Geduld und Orientierungssinn, um uns durch das Chaos zu kämpfen. Doch schließlich fanden wir die Abholstation für unser Mietauto in einem nahe gelegenen Parkhaus. Die Registrierung verlief reibungslos, und kurz darauf standen wir vor unserem neuen Reisegefährten: einem geräumigen, funkelnagelneuen Kia. Dank AppleCar konnten wir unsere GoogleMaps-Navigation direkt auf dem großen Display des Fahrzeugs sehen und hören. Das Beste daran? Auch meine iPhone-Playlists wurden nahtlos über die Autolautsprecher abgespielt – die perfekte musikalische Untermalung für den bevorstehenden Roadtrip.


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